Korrektes Platt?

Wie spricht man korrektes Platt?

Kann es darauf eine Antwort geben ? Gibt es wirklich verbindliche Regeln dafür, wie welches Wort im Dialekt ausgesprochen werden muß? Oder ist es nicht vielmehr so, daß ein und derselbe Begriff in den verschiedenen Gegenden des Niederrheins unterschiedlich ausgesprochen wird. Ja selbst innerhalb einer Stadt, z.B. Kleve wird im Ortsteil Kellen anders Platt gesprochen, als in der Oberstadt. Aufmerksamen Lesern hiesiger Mundartliteratur fällt auf, dass verschiedene Autoren gleiche Worte unterschiedlich wiedergeben. So liest man z.B bei dem einen für den Begriff Bruder, Brüüjer, beim anderen Brüür , Brür oder Brüer. Selbst der Name unserer Stadt erscheint in 5 (fünf) unterschiedlichen Schreibweisen. Sicher sind diese Unterschiede u.a. auch darauf zurückzuführen, dass ihnen verschiedene Sprechweisen zu Grunde liegen. In dem Werk Wortschatz des unteren Niederrheins Band II von Egon Schönberner heißt es auf der Seite III-1

Die Regeln wurden von der gesprochenen Sprache abgeleitet. Als Gewährsperson stand dafür Herr Schönberner, der Herausgeber zur Verfügung. Von dem, was und wie er sprach und was er über seine Mundart erläutern konnte, wurden die Regeln abgenommen, die dieser grammatikalische Wegweiser enthält. (Zitat Ende)

Mit anderen Worten könnte ein ähnliches Werk mit gleicher Intention aber einer anderen Gewährsperson durchaus zu anderen Ergebnissen kommen! Offensichtlich ist es so, dass der Dialekt eine Vielzahl unterschiedlicher Facetten aufweist und auch zulässt. Beim geschriebenen Wort ebenso, wie beim gesprochenen. Ein weiterer Grund für die Unterschiede beim gesprochenen Dialekt ist das Alter des Sprechers. Hat der Betreffende die Gelegenheit gehabt, in den 30-er Jahren auf einem Bauernhof groß zu werden, kann er sicher aus einem umfangreichen Vokabular platter Ausdrücke schöpfen und entsprechend damit hantieren.. Dagegen hört sich Dialekt, gesprochen von einem 50-jährigen Stadtkind sicher anders an. Wer von beiden kann mit Recht den Anspruch erheben richtig Platt zu sprechen?
Schließlich hat auch der natürliche Wandel in der Sprache Einfluss darauf, wie Platt gesprochen wird. Eine Tatsache, auf die der folgende Artikel aus der Rheinischen Post vom 7.1. 1965 hinweist.

Die Kultursprache am Niederrhein war bis ins 19.Jahrhundert hinein Niederländisch. In Nieukerk....waren um 1840 noch niederländische Schulbücher in Gebrauch. Auch die niederländische Kirchensprache war erst 1827 vom Bischof von Münster auf Drängen Preußens verboten worden, hatte sich aber noch vielerorts halten können, da Hochdeutsch noch zu unbekannt war. Die Volkssprache blieb noch vielerorts ein seiner niederländischen Abstrakta beraubtes, östlich gefärbtes Niederländisch, zumindest in der Artikulationsbasis. Doch bricht die Hochsprache unablässig die fremden Bestandteile in den Mundarten heraus, - ein Prozeß, der natürlich nicht auf den Niederrhein beschränkt ist.

Sprache unterliegt also einem ständigen Wandel. Worte geraten in Vergessenheit, neue Begriffe kommen hinzu. Die Entwicklung unseres Dialektes ist jedoch auf dem Weg in die neue Zeit irgendwo steckengeblieben. Während unsere engsten Sprachverwandten auf der anderen Seite der Grenze, ihre Sprache gezwungenermaßen ständig mit neuen Begriffen ergänzen mussten, denn es war ihre Hochsprache, blieb dieser Prozess beim Dialekt fast völlig aus, schien nicht notwendig zu sein, denn unsere Hochsprache war Deutsch. So blieb der Dialekt mehr und mehr hinter der Zeit zurück und war bald nicht mehr geeignet, die moderne Zeit zu beschreiben. Zu viele Begriffe gab es im Dialekt gar nicht, als daß er noch als vollwertige Alternative zum Hochdeutsch eine Chance gehabt hätte. Ein experimenteller Versuch, ausschließlich in Platt zu kommunizieren, kann deshalb nur darin enden, überall dort hochdeutsche Begriffe einzusetzen, wo keine platten Ausdrücke vorhanden sind. Das Ergebnis wäre dann genau das, was Karl Groenewald so verabscheute als er sagte: Spräkt Deuts of Platt, een van die twee. Wat dortösse, düüt jedermann wee. (aus Gedichte, Vertällsels en Spröök van Karl Groenewald)

Alternativ könnte man fehlende platte Ausdrücke aus der niederländischen Sprache ausleihen. Doch auch diese Vorgehensweise ist verpönt und wird als Kauderwelsch abgetan. Wer wagt es noch in aller Öffentlichkeit Platt zu sprechen, wenn er dann von unnachsichtigen Dialekt-Puristen zu hören bekommt: Wat gej dor sprekt, is gorgen Platt! Auch ein Faktor, der vor allem jüngeren Mundartfreunden nicht gerade Mut macht. Was bleibt, ist die ernüchternde Feststellung, daß der Dialekt mit den Personen, die ihn noch sprechen, wegstirbt.

Die letzte verbliebene Bastion der Mundart ist der zwischenmenschliche Bereich. Der Smalltalk über Hecken und Zäune von Nachbar zu Nachbar, die heij al gehört -Geschichten in der Warteschlange beim Kaufmann, der Kommentar zu einem Fußballspiel von Sportclub, die wet gej noch.. -Anekdoten erzählt am Stammtisch. Hier hat der Dialekt auch in diesem Jahrtausend noch seinen Platz aber wie lange noch?

E.Z. 1998

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