Holländisch ein Dialekt?

Aus einem Vortrag anlässlich einer Tagung des Allgemeinen Deutschen Philologenverbandes
(Quelle: RP 1.7. 1963)

Combecher begann seine Ausführungen mit dem Hinweis, daß die Verzerrung des Niederlandbildes am ehesten und eindeutigsten in der Beurteilung des Holländischen und in der Wirkung, die diese Sprache auf die meisten Deutschen ausübe, zu Tage trete. Der Redner führte vor allem Äußerungen aus Philologenkreisen an, die zeigten, wie man schon rein gefühlsmäßig, das Niederländisch abwertig beurteile. Ein Befragter habe z. B. gesagt, als er hörte, daß man in den Niederlanden in verschiedenen Gebieten auch verschiedene Dialekte spreche: ' Du lieber Gott, ist Niederländisch für den Deutschen aber ein schwieriger Dialekt, wenn er durch Unterdialekte so kompliziert wird. Oder aber die Äußerung bei einem Betriebsausflug eines Kollegiums an einem Deutschen Gymnasium, als man an die belgische Grenze kam: müssen wir gleich auch Französisch sprechen. Und schließlich fragte man in einer Prüfungskommission, ob die Prüfungsaufgaben für die Flamen auch in Flämisch abgenommen werden könnten. Alles Fragen, meinte Combecher, die zeigten, wie gering man die Sprache in Holland einschätze, wie bäuerisch und häßlich die Phonetik dieser Sprache auf den hochdeutsch sprechenden Menschen wirkt, und wie wenig man davon weiß, daß das Niederländisch eine echte Hochsprache ist, mit einer rühmenswerten Literatur, vor allem in der Lyrik. Niederländisch gehöre wohl zu den Sprachen, die am schwierigsten von den Deutschen „vorurteilsfrei" einzuschätzen seien, wie es sich von der Wissenschaftlichen Seite her gehöre. Hierzu aber habe die sprachliche Umstellung im nordwestdeutschen Raum vor 200 Jahren beigetragen.

Niederländisch, unsere verhinderte Muttersprache

Vor rund 200 Jahren sei unsere Sprache im nordwestdeutschen Raum mir dem Holländischen noch fast identisch gewesen. Unser Hochdeutsch sei eine koloniale Sonderform, die wir von den Preußen übernommen hätten, deren eigentlicher Ursprung aber im Sächsischen liege. Combecher belegte diese Feststellung damit, daß durch die Bibelübersetzung Luthers sich die heutige Form der deutschen Sprache von Sachsen her über Preußen sehr schnell den hiesigen Raum westlich der EIbe erorbert habe. Sie habe die hier bestehende sprachliche Altkultur einfach überrannt. Es sei so, daß die Einwohner des Gebietes diesseits der Elbe das sogenannte Hochdeutsch als eine Fremdsprache hätten lernen müssen, und es daher besser gelernt hätten, als ihre, eigene Muttersprache, die allmählich verkümmert sei. Sie sei im 16. Jahrhundert überdeckt worden von dem einströmenden Sächsisch, und sei damit erst zum Dialekt, der die Lachmuskeln, reizt, und nicht mehr ernst genommen wird, abgesunken. Das neue Hochdeutsche habe damals auch die Sprache der Gebildeten, das Latein, ersetzt, und die Muttersprache auf den häuslichen Herd, auf die Dorfgemeinschaft verengt.

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