Wo beginnt niederländisch?

(Quelle RP 7.1.1965 Autor J.K.)

Der linke Niederrhein hat den Germanisten manches erspart – nicht aber diese Frage
In Nieukerk nördlich der Krefeld-Uerdinger ik-ook-Sprachgrenze waren um 1840 in den Volksschulen noch niederländische Schulbücher in Gebrauch. Auch die niederländische Kirchensprache war erst 1827 vom Bischof von Münster auf Drängen Preußens verboten worden, hatte sich aber noch vielerorts halten können, da Hochdeutsch noch zu unbekannt war. Dabei gehörte Kleve bereits seit 1609, Geldern seit 1712 zu Preußen. Das Volk sprach und schrieb aber weiterhin überwiegend Niederländisch, wie auch die Archive und Museen bezeugen.

Oft für Holländer gehalten
Der Verhochdeutschungsprozeß ist damit sehr jung und doch sehr wirksam gewesen. Freilich, die Volkssprache blieb noch vielerorts ein seiner niederländischen Abstrakta allmählich beraubtes, östlich gefärbtes Niederländisch, zumindest in der Artikulationsbasis. Selbst hochdeutsch sprechende Niederrheiner werden häufig in anderen Gegenden Deutschlands für Holländer oder Flamen gehalten. Doch bricht die Hochsprache unablässig die fremden Bestandteile in den Mundarten heraus, ein Prozeß, der natürlich nicht auf den Niederrhein beschränkt ist.

Das Rheinische Wörterbuch müßte nun das Niederländische des Niederrheins mit enthalten, mit entsprechenden Lautänderungen, also etwa klevisches „bütten op den Dik“ für hochniederländisches „buiten op de Dijk (=draußen auf dem Deich), u.a. Dieses großartige rheinische Inventar konnte allerdings nur noch auffangen, was noch lebte.

Große Dichtungen, der Stolz nationaler Literaturen, vergleichbar etwa dem Werk des Limburgers van Veldeke, in den sich Niederländercund Deutsche teilen, sind im Niederrheinischencnicht erhalten. Gerade die Kölner Sprachlandschaft hätte vor ihrem Übergang zum Mittelfränkischen manches Rätsel lösen helfen können. Und doch übernahm Köln noch danach zahlreiche Neuerungen oder doch niederländische Eigenheiten aus Flandern, wie A.Wrede beweist. Mit dem Versinken der südlichen Niederlande in die Mittelmäßigkeit und Unfreiheit unter spanischer Oberhoheit, wendet sich Köln wieder verstärkt dem Hochdeutschen zu. Dieser Prozeß läuft seit Jahrhunderten. ohne je abgeschlossen zu sein. Köln konnte dabei selbst weit nach Westen bis nach Limburg-Brabant hinein ausgreifen, während es nordwärts nur 35 km bis an die Erft, seine Formen durchsetzen konnte.

Das "Kleverländische"

An den Ubergangsraum Neuß-Gladbach-Krefeld schloß also unmittelbar echtes niederländisches Sprach-und Kulturgebiet an. Prediger aus Wesel oder Emmerich z.B. studierten ganz selbstverständlich in den Niederlanden. Der „eigentliche" Rheinländer beginnt auch heute noch mentalitätsmäßig südlich Krefeld natürlich hat sich seit 1945 eine neue, ostdeutsche Komponente hinzugesellt, die aber hier außer Betracht bleiben kann.

Was geschieht aber mit anderer außerhalb der niederländischen Staats- bzw. Sprachgrenze entstandener Literatur? Nun, der Dünkirchener M. de Swaen (17./18. Jahrhundert) rechnet zur niederländischen Literatur wie die Flamen Belgiens auch Hätte er am Niederrhein geschrieben, wäre die deutsche Germanistik oder Teutonistik vielleicht in Verlegenheit, nicht zuletzt, weil sie die wissensdlaftliche Niederlandistik seltsamerweise in einem unterentwickelten Zustand gelassen hat. Nun sind zwar keine großen niederrheinisch niederländischen Dichtungen bezeugt, aber die Sprache war und ist ja da.

Doch hier flüchtet die Wissenschaft hinter die politischen Grenzen und kreiert eigene Größen, etwa das "Kleverländische", das übrigens mit dem angrenzenden "Maasländischen" des niederländischen Nachbarn und anderen seiner Mundarten übereinstimmt, nicht aber mit deutschen Mundarten. Als ob wir es da mit einem eigenen, abgegrenzten Sprachraum zu tun hätten, statt mit einem oberflächlich verhochdeutschten, noch vor wenigen Generationen niederländischen Sprach- und Kulturgebiet, das sich freilich vom südlichen "Rheinischen" in seinen verschiedenen Spielarten stark unterscheidet.

Nur Kultur- und Schriftsprache?

Da nun auch zahlreiche niederländische Wissenschaftler an der Staatsgrenze haltmachen, bleibt der interessante niederrheinische Übergangsraum links liegen, der doch beide Völker beschäftigen sollte. Wo beginnt aber Niederländisch, und wo hört Niederfränkisch auf? Waren nur hochstehende Kultur- und Schriftsprache Niederländisch, alles andere Niederfränkisch-Niederdeutsch? Was wäre dann das Niederfränkische Nordfrankreichs oder Südafrikas? Der Niederrhein hat uns manches erspart, nicht aber diese und ähnliche Fragen

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